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20 Dez 2020
Apotropaion, Magie in Mesopotamien

Magische Fragmente: Geschichte der Magie in Mesopotamien II

2. Kapitel: Die Quellen

Die Vorstellung, dass bereits vor 5.000 Jahren gezaubert wurde, ist atemberaubend. 5.000 Jahre klingt nach einer langen Zeit, als ob die Welt damals gar keine Verbindung zu uns hätte. Aus dieser fernen Zeit stammen die ältesten Quellen, die über Magie berichten. Das bedeutet aber nicht, dass die Magie selbst nicht noch viel älter sein könnte. Die Geschichte der Menschheit, das heißt, diese 5.000 Jahren seit es Schrift gibt, bilden nur 5% der gesamten Zeit seit es Menschen gibt. Die Geschehnisse von vor 5.000 Jahren sind für uns, aus dieser Perspektive, fast zeitgenössisch im Vergleich zu den Erlebnissen der vorgeschichtlichen Menschen von vor 100.000 Jahren. In meinen Artikeln werden wir zusammen den Ursprüngen der Magie folgen, aber zuerst lasst uns nur darüber sprechen, was „sicher“, also im Form von Text verfestigt wurde.

2.1. Tontafeln

Die ersten dokumentierten magischen Texte sind viel viel älter als die Diskussion um die mageia zur Zeit Platons. Sie stammen von Tontafeln mit Keilschrift. Die Keilschrift taucht zum ersten Mal im Sumer auf, in der ältesten Zivilisation Mesopotamiens. Mesopotamien erstreckte sich über das Gebiet des heutigen Iraks und Syrien, mit Babylonien im Süden und Assyrien im Norden. Zuerst wurden die Tafeln dafür verwendet, Handelsverkehr festzuhalten, und aus diesem Grund konnten sie sich schnell verbreiten. Die in Babylonien geschriebenen magischen Texte kamen u. a. in den königlichen Bibliotheken Hattusas an, das heißt in der Hauptstadt Anatoliens (heutige Türkei). Dort fanden die Magier, Exorzisten und Weisen anderer Zivilisationen magische Sammlungen und Handbücher. Die ersten dokumentierten magischen Texte stammen aus dem III. Jahrtausend v. u. Z. und wurden bis zum Ende der Keilschrift im ausgehenden I. Jahrtausend v. u. Z. zusammengestellt.

Ein schönes Beispiel eines Zauberspruches in alter babylonischer Sprache ist der Versuch, eine Frau zu verführen und die Meinung ihrer Eltern zu ignorieren. Dieser Spruch1 zeigt eine Haltung die in diesem Chanel nicht unterstützt wird:

Möge Liebe auch Liebe machen mit mir,
auf dass ich (diesen Zauber auf sie) werfen, (mit ihr) sprechen, reden, schäkern kann:
“Sieh in mir eine Asnugallum-Schlange,
auf dass deine Stimmung drängend werde wie eine wilde Kuh!
Warte nicht auf deines Vaters Rat,
achte nicht auf deiner Mutter Empfehlung!”

Ein kurzer Kommentar zu den Sprachen: In Mesopotamien wurde bereits im IV. Jahrtausend v. u. Z. Sumerisch gesprochen. Diese Sprache ist weder mit indoeuropäischen Sprachen noch mit semitischen Sprachen verwandt und überlebte nach dem III. Jahrtausend nur in geschriebener Form, nachdem die semitische Sprache Akkadisch die Verkehrssprache der Region wurde. Dazu wurden im Verlauf der Zeit andere Sprachen wie Aramäisch (semitisch), Persisch (indoeuropäisch) und Hurritisch (auch eine unabhängige Sprache) und Dialekte wie Babylonisch gesprochen.

2.2. Apotropaion

The British Museum 897623001, CC BY-NC-SA 4.0

Andere Quellen der antiken Magie sind die Apotropaion. Diese Unheil abwendenden Figuren waren manchmal Götter oder Göttinnen, Ungeheuer oder sogar Tiere wie Hunde mit schützenden Inschriften. In diesem Beispiel sehen wir mehrere schützende Inschriften, eine davon bedeutet zum Beispiel: „den Feind beißend“. Nicht umsonst wurde die babylonische Göttin des Heilens stets von einem Hund begleitet. Diese Hundefiguren wurden im Palast des Königs Ashurbanipal gefunden, in der Ausgrabungsstätte Ninive (Nahe Mossul, Irak) und stammen aus dem 7. Jahrhundert v. u. Z. In Ninive wurde eine wichtige Hofbibliothek mit ca. 20.000 Tontafeln mit Tausenden von Zaubertexten gefunden.

2.3. Überreste von Rituellen Begräbnissen

Im Gegensatz zu den Apotropaion, die oft sichtbar vor der Haustür standen, war die dritte Quelle für unsere Kenntnisse der antiken Magie an anderen Orten aufzufinden: es handelt sich um Überreste von rituellen Begräbnissen, welche ausschließlich fern der bewohnten Gebiete zu finden waren, da diese rituellen Überreste meistens als unrein betrachtet wurden. Diese Reste sind äußerst schwierig zu finden, aber manchmal gelingt es den Archäologen und Archäologinnen. In Hattusa wurde zum Beispiel ein mit Nägeln durchbohrter und danach begrabener Embryo eines Ferkels gefunden, der wahrscheinlich die Unreinheit einer leidenden Person mit sich unter die Erde nehmen sollte. Diese Quellen benötigen eine zusätzliche Ebene der Interpretation, können dann aber sehr visuell die verschiedenen Niveaus von Performativität der Magie zu unterschiedlichen Zeiten und an unterschiedlichen Orten verraten.

In den nächsten Videos werden wir sehen, wer diese Ritualen durchgeführt haben soll, sowie wer die Texte geschrieben hat. Dazu werden wir erfahren, was genau der Inhalt von den Zaubersprüchen war, die man bisher dokumentieren konnte.

Hauptbibliographie und online-Quellen:

· Collins, David J. (Hgst.), The Cambridge History of Magic and Witchcraft in the West. From Antiquity to the Present. Cambridge University Press, New York 2015.

· Oppenheim, Leo, Ancient Mesopotamia. Portrait of a Dead Civilization. The University of Chicago Press, Chicago 1964.

· Sources of Early Akkadian Literature (SEAL). Universität Leipzig und The Hebrew University of Jerusalem: seal.huji.ac.il

· British Museum: www.britishmuseum.org

1Vgl. http://cdli.ucla.edu/search/archival_view.php?ObjectID=P252006 (16. November 2020)

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Magier, Philosoph, Kunsthistoriker, Genießer