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18 Mrz 2021
Zauberkunst und Magie

Magische Fragmente: Geschichte der Magie in Mesopotamien IV

Viertes Kapitel: Weiße Magie und Performativität

In Mesopotamien finden wir zunächst nur Texte, die keinerlei Fiktion beinhalten. Auch wenn diese Texte Zauberpraktiken beschreiben, sind die Formeln dazu gedacht, irdische Probleme zu lösen und Antworten auf alltägliche Fragen zu finden.

Die Rituale, die in Keilschrift überdauert haben, sind erst einmal wortwörtlich zu verstehen: Es gab ein Problem und die Lösung dafür war diese oder jene Handlung. Es gibt aber eine Entwicklung in der gesamten mesopotamischen Literatur, die natürlich einen Einfluss auf die magischen Texte hatte. Langsam werden die Texte komplizierter und die Magie gewinnt an Performativität. Im Verlauf der Zeit – könnte man behaupten – brauchen die Menschen „neue“ Spezialeffekte, um an die Wirksamkeit der Rituale zu glauben. Dank des Einflusses der fiktionalen Literatur, die im zweiten Jahrtausend v. u. Z. entwickelt wird, lassen sich langsam spektakulärere Rituale beschreiben, die danach verlangen, praktisch umgesetzt zu werden. Das Treffen der Zauberkunst und der „echten“ Magie ist in diesem Sinne unvermeidbar.

4.1. Weiße Magie

Um alles einfacher zu machen, kann man die Magie des Nahen Ostens in weiße und schwarze Magie unterteilen, wobei man immer auch eine graue Zone findet. Die meisten dokumentierten Texte gehören der weißen Magie, an der ich dieses Kapitel widme.

Die weiße Magie war hauptsächlich dazu da, Menschen vor irgendetwas zu schützen und fand zwei Hauptverwendungen: zum einen diente sie der Veränderung des Subjekts, indem dieses in ein Zwischenstadium oder eine neue Form überführt wird, wie zum Beispiel bei der Weihung eines Priesters. In diesem Fall sprechen wir von Schwellen-Magie. Man tritt aus einer Realität in eine Neue durch eine Schwelle, durch eine magische Tür. Zum anderen konnte die Aufgabe der Magie sein, ein von einem Individuum erlittenes Übel loszuwerden oder abzuwenden. In diesem Fall sprechen wir von Schutz-Magie.

4.1.1. Schwellen-Magie

Bei der Schwellen-Magie wird eine Person für einen göttlichen Dienst im Tempel vorbereitet oder ihre vergangenen Problemen werden überwunden, indem diese Person eine rituelle Änderung ihrer selbst erlebt. Der Schritt von einer unreinen in eine reine Daseinsform war einer der Hauptzwecke „weißer“ antiker Magie. Da Reinheit als göttliche Eigenschaft betrachtet wird, waren die Einweihungs-Rituale der Tempel durch Reinigungs-Handlungen gekennzeichnet. Diese Reinigung versteht sich sowohl metaphorisch als auch wortwörtlich. So wurden unter anderem Menschen mit Seife gewaschen und rasiert.

Andere rituelle Formen dieser Schwellen-Magie waren dahingegen nicht so sauber. In der Welt der Hethiter gab es zum Beispiel Rituale, die das Halbieren eines Tieres oder einer Person erforderten. Das Töten von Tieren oder Menschen im Rahmen solcher Rituale wurde nicht als Opfer an die Götter betrachtet. Vielmehr diente es dazu, eine symbolische Grenze zu errichten, welche einmal übertreten werden konnte und danach für immer verschlossen blieb. Das Subjekt der Rituale lief den neuen „Weg“ entlang, der zwischen den jetzt getrennten, aber im Prinzip untrennbaren Teilen entstanden war. Auf diese Weise ließ das Subjekt metaphorisch sein Leid hinter sich, indem es durch diese blutige Pforte schritt.

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4.1.2. Schutz-Magie

Die Menschen mussten sich auch magisch gegen böse Kräfte verteidigen, die entweder dämonisch oder natürlich sein konnten. So gab es etwa Geister, die der Unterwelt entstammten und Menschen bedrängen konnten. Die Unterwelt stand aber auch in Verbindung mit bestimmten natürlichen Orten oder Phänomenen, sodass der Wind selbst eine böse Kraft sein konnte. Unter den Tieren wurden die Schlangen am meisten gefürchtet, genauso wie in Ägypten die Krokodile. Zusammen stellten also Geister, Naturphänomene und Tiere gleichwertige Feinde der Menschen dar und waren somit Ziel der Schutz-Zauberei.

I conjure you by Ištar and Dumuzi
not to draw near to me (even to a distance of) one league and sixty cubits!

(aus einer Beschwörung vom ca. 1900-1600 v.u.Z., hier abgebildet)

Doch nicht alle Probleme kamen von außen. Aus dem Inneren der Zivilisation stammten zwei ihr eigene Übel: Wenn ein Tabu oder ein Schwur (mamitu auf akkadisch und namenim auf sumerisch) gebrochen, oder schwarze Magie, bzw. Hexerei (kisipu auf akkadisch oder us auf sumerisch) ausgeübt wurde, entstand Leid. Dieses Leid musste bekämpft oder verhindert werden, durch Rituale (usburruda und namenimburruda auf sumerisch), die symbolisch gegen das Übel vorgingen.

Das Schwören ist philosophisch betrachtet ein ganz besonderer Vorgang. Wer schwört, geht eine Verpflichtung ein, die nur durch den Schwur existiert. Ohne den Schwur wäre die betreffende Person von ihrer Verpflichtung sozusagen im Voraus befreit. Das Leben in Mesopotamien war sorgfältig organisiert und das Brechen der normalen Verpflichtungen gegenüber anderen, zum Beispiel ein respektloses Behandeln der Eltern, wurde von der Justiz geahndet (in diesem Fall würde der Sohn automatisch enterbt). Aber besondere Verpflichtungen, wie diejenigen, die aus einem Versprechen entstanden, mussten magisch besiegelt werden.

Um das Brechen eines Schwurs zu verhindern, wurde eine Magie der Analogie benutzt. Diese verwendete homonyme Wörter in den Zaubersprüchen oder Gegenstände, die auf symbolische Weise die magischen Folgen des Brechens eines Schwurs bebilderten. Ein Beispiel der Hethiter waren Zeremonien in denen Soldaten Objekte zu sehen bekamen, die in dieser Zeit weiblich konnotiert waren wie Spinnrocken, Spindeln oder Kleider. Die Soldaten wurden damit bedroht, in Frauen verwandelt zu werden, sollten sie das Versprechen, dem König zu dienen, brechen.

Nun bringt man Frauenkleider, einen Rocken und eine Spindel
herbei und zerbricht einen Pfeil,
und du sprichst zu ihnen folgendermaßen: „Was ist dies? Sind (es) nicht
Überkleider von Frauen? Wir haben sie (hier) zur Vereidigung.
Wer nun diese Eide übertritt und dem König, der Königin und den Söhnen des Königs Böses
zufügt, den sollen diese Eide aus einem Mann zu einem Weibe
machen, seine Heere sollen sie zu Weibern machen,
sie nach Weiberart kleiden und ihnen ein Kopftuch
aufsetzen! Bogen, Pfeile und (sonstige) Waffen
sollen sie ihnen in ihren Händen zerbrechen
und ihnen Rocken und Spindeln
in die Hände legen!“1

Frauenornamente – ca. 2600 v.u.Z.
The British Museum 122310

Im 18. Jahrhundert u.Z. sagte der Philosoph David Hume, dass das Versprechen selbst eine Art Zauberhandlung sei, die durch das sprechen bestimmter Wörter, reale Objekte oder Menschen vollständig verändern kann2.

Ein noch pittoreskerer Fall von Schutz-Magie nutzte Ersatzpersonen, die mindestens seit dem Assyrischen Reich um das erste Jahrtausend v.u.Z. bis zu Alexander Magnus oder der Große um 300 v.u.Z ihre Dienste leisteten.

Um das zu verstehen, müssen wir wissen: Es gab Geister und Zeichen wie Träume oder Sonnenfinsternisse, die künftige Probleme ankündigen konnten. Diese Ankündigung kennen wir als Omen oder Omina im Plural. Wenn solche Omina den König persönlich betrafen (zum Beispiel vorhersagten, dass er besiegt, abgesetzt oder getötet werde), mussten seine WahrsagerInnen, Zauberer , Exorzisten und Ärzte komplizierte Schutz-Rituale durchführen3. Hier kamen die Ersatzpersonen ins Bild, also Menschen die stellvertretend die Position des Opfers (in diesem Fall des Königs) einnehmen mussten, um das böse Omen auf sich zu beziehen oder es einfach vom ursprünglichen Opfer abzuwenden. Diese Platzhalter konnten vorübergehend den Thron besteigen oder die luxuriösen Kleider des Königs anziehen, während sich der König selbst den Purifikations-Ritualen unterzog und versteckte. Somit waren sie in der Lage, das böse Omen zu überlisten und den König zu retten. Doch das gelang nicht immer: Einmal blieb ein Gärtner im Besitz des Throns in der babylonischen Stadt Isin, nachdem der wahre König während der Purifikation gestorben war, als er dabei eine viel zu warme Brühe getrunken hatte.

4.2. Fiktionalisierung und Performativität

Wir haben gesehen, dass manche Zaubersprüche sehr plastische Beschreibungen ihres Gegenstandes beinhalteten, oder dass sie metaphorische Handlungen empfahlen. Magische Texte waren also seit Beginn der Menschheitsgeschichte nicht rein schematische Kompositionen. Dennoch ermangelte es ihnen an „kreativer Imagination“4, welche zunächst nur literarischen Texten vorbehalten blieb. So dienten etwa die Erzählungen über die sumerischen Helden Lugalbanda, Enmerkar und Bilgames (Gilgamesh auf Akkadisch) sowohl der Unterhaltung (Spielmänner) als auch der Ausbildung, da sie auswendig gelernt, kopiert und vervollständigt werden mussten. Doch im Laufe der Zeit fasste die Fiktion auch in manchen magischen Ritualen und Zaubertexten Fuß. Ich finde diesen Einzug des Fantastischen in die Magie besonders interessant, denn erst hier können wir trotz der spärlichen Quellen, eine Performativität in der antiken Magie vermuten. Dies könnte ein Indiz dafür sein, dass antike Ritual-Magie nicht nur praktisch wirken sollte, sondern auch theatralische Elemente besaß. Darin wäre sie unserer heutigen Zauberkunst verwandt.

In der Literaturwissenschaft wird eine interessante rhetorische Figur beschrieben: die Metalepse. Das Fachbuch Über die Grenze definiert sie als „(…) eine vertikal gerichtete Grenzüberschreitung und Interaktion von Instanzen differenter Ebenen der Darstellung im Kunstwerk.“ (S. 1). Dies geschieht zum Beispiel, wenn der/die AutorIn oder ErzählerIn unvermittelt selbst inmitten der Handlung auftaucht. So findet eine Wanderung zwischen unterschiedlichen ontologischen Ebenen statt. Der aus Jerusalem stammende Professor Nathan Wasserman schreibt in diesem Zusammenhang über eine babylonische Beschwörung von ca. -1700. In diesem Geburtsritual unterbricht der Magier seine Erzählung, um danach persönlich in dieser zu erscheinen und helfend sowohl in die Handlung, als auch in die Wirklichkeit einzugreifen. Hier ist die zuvor erwähnte Performativität sehr deutlich:

1 The cow is pregnant, the cow is giving birth,
2–3 In the stall of Šamaš, the pen of Šakkan.
4 When Šamaš saw her he was crying,
5–6 When the pure-of-rites saw her, his tears were flowing down (saying:)
7–8 “Why does Šamaš cry? The tears of the pure-of-rites flowing down?
9–10 Over my cow, not deflowered, my kid, never giving birth!”
Rev.
11–13 “Whom should I send and summon the Daughters of An, seven and seven?”
14 Let them [take for me] their vessels of [gold]
15 Let them cause the child be delivered effortlessly!
16 If it is a male – may it be like ram!
17 If it is a female – may it be like a n.!
18 May it fall (safely) to the ground!
19 Enenuru incantation.
20 Incantation for a woman in labor.5

Die Beschwörung war auf eine Tafel geschrieben worden, die der Magier während des Rituals bei sich hatte und vorlas. Wasserman erklärt, wie hier zunächst vom Magier eine Geschichte (die historiola) erzählt wird. Eine junge Kuh (metaphorisch war damit oft eine gebärende Frau gemeint) sollte ein Kind zur Welt bringen, lief jedoch Gefahr, dabei zu sterben. Die Götter (Shamash, Shakkan und Sîn) weinen bloß und tun so gut wie nichts, um zu helfen.
Daraufhin fragt jemand, warum Samas weine und wer die Töchter des Gottes An (heilende Wesen) beschwören könne? Der einzige, der die Macht besäße, solch eine Beschwörung durchzuführen, ist sicherlich der Magier, der das Ritual anbietet6. Er kann zwischen beiden Realitäten wechseln und „darf“ in der Geschichte anwesend sein, während er gleichzeitig vor der gebärenden Frau steht. Er heilt sie, während er diese Beschwörung vorliest. „Der Magier ist also der Autor, der Erzähler, ein Mitspielender in der Handlung und vielleicht sogar der Schriftgelehrte, der die Beschwörung selbst in Keilschrift eingravierte.“7

Die Oralität der Beschwörungen impliziert deren Realisierung in der wirklichen Welt. Dies erlaubt die beschriebenen rhetorischen Kunstgriffe. Solch ein Beschwörungstext war immer dazu bestimmt, in einer speziellen Situation vorgetragen und verwendet zu werden. Er ist also kein rein literarisches Werk, sondern entfaltet erst in der Verschmelzung mit der entsprechenden Situation seine volle Bedeutung. Die Oralität „verleiht literarischen Texten eine spezifische Situativität“.8

Wie bei einem modernen Zauberkunststück verwendeten die antiken MagierInnen eine Vielzahl von „Requisiten“ und anderen Mitteln. Mit deren Hilfe konnten sie ihre PatientInnen in eine Fiktion hineinversetzen, die ihr Leiden erklärte. Mit der säkularen Magie unserer Zeit werden die ZuschauerInnen ebenso in eine Fiktion hineinversetzt, die aber als die Realität wahrgenommen werden soll. Die ZuschauerInnen, wie damals die PatientInnen, verstehen die magische Logik der Zauberdarbietung als eine Form der Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit erlebt dann im Verlauf der Darbietung einen logischen Bruch, der unerklärlich bleibt und so den magischen Effekt ermöglicht.

1Oettinger, Norbert, Die Militärischen Eide der Hethiter, in Studien zu den Bogazköy-Texten, Otto Harrassowitz, Wiesbaden 1976, Ss. 12-13.

2https://davidhume.org/texts/t/3/2/5

3Sanmartín, Joaquín und Serrano, J. Miguel, Historia antigua del Próximo Oriente. Akal 1998 (2018), Madrid,S. 64

4Vgl. George, A. R., Gilgamesh and the literary traditions of ancient Mesopotamia,S. 1, in Leick, Gwendolyn, (Hgst.), The Babylonian World. Routledge 2007, London, pp. 447-459.

5Vgl. https://seal.huji.ac.il/node/7059 (04.01.2021)

6Um das hier zu verstehen: Ein einfaches Beispiel einer Metalepse ist auch die Frage: „Hast du die Uhrzeit?“ Tatsächlich gemeint ist damit: „Sag mir, wie spät ist es!“ Im Beschwörungstext fragt der Magier: „Wer kann XY beschwören?“ und meint damit: „Jetzt werde ich XY beschwören“. Der Magier ist zu Beginn derjenige, der die gefährliche Situation der Kuh beschreibt und das menschliche Eingreifen rechtfertigt. Daraufhin ändert sich die Erzählung und folgt nicht länger der zu erwartenden Entwicklung (dass die Kuh stirbt), da der Magier die Handlung durch sein Sprechen in der ersten Person aktiv umlenkt.

7Vgl.. Wasserman, in Jannidis, Fotis et. al., Über die Grenze, De Gruyter 2013,S. 19.

8Vgl.. Über die Grenze, S. 4.

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Magier, Philosoph, Kunsthistoriker, Genießer